Rede zum Volkstrauertag 2025 von Pastorin Ellger gehalten bei der Gedenkveranstaltung der Gemeinde Kisdorf am 16.11.2025

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

es ist wieder Volkstrauertag. Wir sind hier zusammen, um der Opfer beider Weltkriege und überhaupt von Krieg, Gewalt und Terror zu gedenken. Eine vergleichsweise kleine Schar, aber es ist gut und wichtig, dass wir da sind und dieses Zeichen heute setzen.

In diesem Jahr ist es 80 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 zu Ende ging. Im Frühjahr haben wir dazu einen Gottesdienst gefeiert und auch versucht, Stimmern von damals wieder zu Gehör zu bringen. Wie war das damals? Wie wurde die Nachricht von der Kapitulation aufgenommen? Was geschah mit den Machthabern der NSDAP? Wie war das, als Flüchtlinge hier ankamen? Menschen, die alles verloren hatten, trafen hier auf Menschen, die das wenige, was ihnen geblieben war, nun auch noch teilen mussten. Freiheit und Neuanfang einerseits, und unsägliches Leid, wirtschaftliche Not, Trauer und Traumatisierung andererseits.

Bei unseren Recherchen zu diesem Gottesdienst hier vor Ort gab es auch Stimmen wie diese: Lasst doch die Vergangenheit endlich ruhen, ist doch alles schon so lange her. Muss man doch nicht immer wieder drin herumstochern. Bei den inzwischen hochbetagten Menschen, die diese Zeit noch selbst miterlebt haben, kann ich es ein Stückweit verstehen, dass es schmerzt, alte Wunden wieder aufzureißen. Aber trotzdem ist es so wichtig, die Erinnerung an diese Zeit wachzuhalten. Wir leben in einer Zeit, in der es wieder Krieg in Europa gibt, in der immer mehr Machthaber in dieser Welt die demokratischen Prinzipien mit Füßen treten und in der auch in unserem Land Rassismus und Antisemitismus immer mehr erstarken. Dazu zu schweigen, heißt zuzustimmen. Und das darf nicht sein.

Mit Mahnung und Gedenken heute und auch sonst geht eine Verantwortung für die Jüngeren einher. Damit auch unsere Kinder und Enkel in einer friedlichen Gesellschaft, in einem friedlichen Europa und  - das wäre mein Wunsch – auch in einer friedlichen Welt leben können, brauchen Sie Werte und Grundlagen, brauchen sie Kenntnis der Geschichte und Urteilsvermögen. Sie müssen wissen, was die Einschränkung oder gar Abwesenheit von Demokratie bedeutet. Wie wichtig es ist, dass in einer Gesellschaft alle zu Wort kommen dürfen, dass Diskussionen, Austausch, Verständigung wichtig sind, dass Menschenrechte mehr sind als nur Buchstaben auf Papier. Das ist unser aller Aufgabe, uns dafür mit einzusetzen. In der eigenen Familie lässt sich damit beginnen.

Mahnung und Gedenken sind heute auch wichtig, weil Abstumpfung droht – man hört und liest die Nachrichten, gewöhnt sich an die Bilder von zerschossenen Häusern, von Menschen auf der Flucht und dem Leben in Lagern. Die Zahl der Drohnenangriffe berührt nicht mehr, täglich zerschießen Bomben nicht nur Infrastruktur, Fabriken und Häuser, sondern ganze Lebensentwürfe und Existenzen von Menschen, die eigentlich nichts anderes wollen, als in Frieden zu leben. Frieden, das ist ein hohes Gut und wir dürfen nicht müde werden, uns auch in unserem Alltag dafür einzusetzen. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung ist sinnvoll und wichtig. Mich hat sehr berührt, was Anouschka Baumann, Schülerin aus Berlin in einer 12. Klasse, in der Ev. Zeitung über ihre Vorstellung von Frieden schreibt: „Viele von uns ruhen nicht mehr in sich. Das war mal anders. Für mich als Kind zum Beispiel. Frieden war da. Einfach so. Vielleicht ist es das, wonach ich am meisten Sehnsucht habe. Weil Chaos, Gewalt, Zerstörung und das viele Töten etwas mit uns macht, auch wenn es uns nur mittelbar betrifft. Wir gewöhnen uns daran und bald beißen wir wieder zufrieden in unser täglich Brot. … Ohne Frieden ist alles nichts. Ein Kalenderspruch, vielleicht. Aber der beste, den ich kenne.“

Sich für den Frieden einzusetzen, ist und bleibt wichtig. Das Gedenken am Volkstrauertag, das Wachhalten der Erinnerung an die Millionen von Opfern von Krieg und Gewalt, hat Sinn. Aber nur dann, wenn wir auch in unserem Alltag damit ernst machen. Vielleicht haben auch Sie in den letzten Tagen die Nachricht von der Berliner Studentin gelesen: Sie ist in der U6 eingeschritten und hat den Mund aufgemacht, als ein Mann rassistische Bemerkungen gegenüber einem anderen Fahrgast machte und die Hand zum Hitlergruß erhob. Mutig hat sie ihm ins Gesicht gesagt: „Sie wissen schon, dass das eine Straftat ist?“ Dafür musste sie sich von ihm als Volksverräterin beschimpfen und beleidigen lassen und sich ein „Sieg Heil“ anhören. Niemand ist ihr zur Hilfe gekommen oder hat sie unterstützt. Auch hinterher hat sie niemand darauf angesprochen. So etwas darf nicht sein. Da sind wir alle gefordert. Da fängt es an.

Es ist gut und wichtig, dass wir hier heute stehe und ein Zeichen setzen. Es ist gut und wichtig, dass man in der Zeitung lesen kann, dass überall heute solche Gedenkveranstaltungen stattfinden. Aber es sind und bleiben trotzdem wenige, die dieser Einladung folgen. Das reicht nicht. Setzen wir in unserem Alltag um, wovon wir heute hören und woran wir heute denken. Es ist wichtig, dass wir selbst etwas für den Frieden tun. Zivilcourage ist etwas, was gelebt werden will. Mag uns der Volkstrauertag heute wieder daran erinnern

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